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16. März 2013; Der Landbote von Helmut Dworschak
Klassenzimmermusik
Fünftklässler haben die Welt der Klänge und Geräusche erforscht und für das Ensemble TaG komponiert. Gestern war Hauptprobe, am Sonntag gilt es ernst. Gelungen ist das Projekt schon jetzt.
Sobald das Licht an ist, geht es los. Dann wird der Konzertflügel mit dünnen Plastiksäcklein abgestaubt, dazu hört man Ziegen meckern. Das klingt nicht nur sehr interessant, es sieht auch gut aus. Bevor die Stimmung allzu behaglich wird, durchbrechen ein paar kraftvoll hingeschmetterte Akkorde die Idylle; aus dem Tumult schält sich sogleich eine kleine, feine Melodie heraus. Nachdem alles verklungen ist, treten vier Mädchen zur Mitte hin, verbeugen sich. Applaus.
Improvisieren kann man mit allem, was es im Schulzimmer so gibt. Auch mit Stühlen, Papier und Stiften, mit der Wandtafel und dem Wasserhahn. Die Schülerinnen und Schüler haben es ausprobiert, und einiges davon ist in die Stücke eingeflossen, die sie dann selber komponiert haben. Die Pianistin Simone Keller und der Musiktheater-Regisseur Philip Bartels haben seit Januar mit der Klasse 5c des Schulhauses Gutenberg in Töss die Welt der Geräusche und Töne erforscht.
Kinder schreiben für Profis
Da hat eine Verwandlung stattgefunden. Das gestärkte Bewusstsein für die Akustik ist gut zu hören: Werden Zettel zerrissen, klingt es nun tatsächlich wie Musik. Sogar eine eigene Symbolsprache haben die Kinder erfunden, um ihre Musik aufzuschreiben. Damit die Musiker des Ensembles TaG ihre Stücke am Sonntag genau so aufführen können, wie sie gedacht sind.
An der Hauptprobe werden neben dem Ablauf des Konzerts die kurzen Stücke eingeübt, die die Kinder selbst aufführen. «Wo sitzt Ana?» – «Ana sitzt da vorne, dort fehlt noch ein Stuhl.» Philip Bartels dirigiert die 19-köpfige Schar freundlich und bestimmt zu den Plätzen. Arton, Leonora, Florije, Enis, Melanie, Arlinda: Die Reihenfolge muss stimmen. «Bitte», mahnt Lehrerin Corinne Steiner, «bis morgen merkt sich jeder, neben wem er gesessen ist. Und vergesst nicht, die Konzertkleider mitzunehmen.»
Dann ist das «Indianerstück» an der Reihe. Während die einen auftreten, hören die andern gespannt zu. Die Konzentration und die Freude sind spürbar. Viel «Action» und Abwechslung gibt es in dem Programm, das den passenden Titel «Premier Œuvre» trägt. Auch ein regelrechter Thriller ist dabei, mit einer sich öffnenden Türe, unheimlichen Schritten und ohrenbetäubendem Kreischen; der Schrecken mündet am Schluss in einen warmen Glockenklang. «Ohrenfilme» heissen diese Stücke.
Kinder und Musiker, die zeitgenössische Musik spielen, haben etwas gemeinsam: Beide experimentieren gern mit unkonventionellen Klängen. Zu Beginn des Projekts bekamen die Kinder Alltagsgeräusche zu hören und versuchten ihre Herkunft zu erraten. Darauf wurde in kleinen Gruppen eine «Klassenzimmermusik» improvisiert. Schliesslich haben die Kinder für das auf Neue Musik spezialisierte Ensemble TaG viele kleine Musikstücke komponiert; die kunstvollen Partituren sind am Sonntag in einer kleinen Ausstellung zu bewundern.
Musik für Küchengeschirr
Die Kinder führen ihrerseits das Stück «Hors d’œuvre» auf, das der 1944 geborene Komponist Peter Streiff geschrieben hat. An vier Tischen werde da mit Geschirr eine sehr ungewöhnliche Musik produziert, lässt Simone Keller durchblicken. Und zwar so, wie es zu Hause am Küchentisch wohl kaum erlaubt wäre. Und ganz zum Schluss spielen alle zusammen den absoluten Lieblingssong der Schulklasse, die James-Bond-Hymne «Skyfall».
Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 22. Januar 2013
Schweizer Musik zu Robert Walser
Volkstümlich, verstörend
Thomas Schacher ¦ Erst spät wurde er wiederentdeckt, der 1956 verstorbene Schweizer Schriftsteller Robert Walser. Dafür aber umso nachhaltiger. In den siebziger Jahren setzte im deutschen Sprachraum eine bemerkenswerte Walser-Rezeption ein, welche die Modernität seiner Texte hervorhob. In der Schweiz waren es überdies die Komponisten, allen voran Heinz Holliger, die sich von Walser inspirieren liessen.
Unter dem Motto «Schweizer Musik zu Robert Walser» hat das Ensemble TaG in einem Konzert im Winterthurer Theater am Gleis sechs Komponisten der mittleren und jüngeren Generation zu Wort kommen lassen. Leider verzichtete der Veranstalter sowohl auf einen einführenden Text, der solche Zusammenhänge erhellt hätte, als auch auf das Abdrucken der vertonten Texte Walsers. Wenn aber ein so sorgfältig konzipiertes Programm nicht nur Insider ansprechen will, müsste dies geschehen.
Die Leitplanke des Abends bilden die «Drei Robert-Walser-Geschichten» von Daniel Fueter. Sie gehen auf eine Filmmusik zurück, die der Komponist zu einem Walser-Film von Walo Deuber geschrieben und anschliessend zu einer Konzertversion unter dem Titel «Tanzfragmente» verdichtet hat. Bei der in Winterthur uraufgeführten Version tritt nun zu Klavier und Cello wieder, wie beim Film, eine Sprechstimme hinzu. In der ersten der drei Geschichten erzählt der Schauspieler Jannek Petri in streng rhythmisierter Prosa eine erotisch aufgeladene Begegnung zwischen einem Klavierschüler und seiner Lehrerin. Dazu spielen der Pianist Rafael Rütti und der Cellist Emanuel Rütsche eine nicht illustrierende, sondern tänzerische und formelhafte Musik.
Wie unterschiedlich Walsers scheinbar volkstümliche, aber brüchige und verstörende Gedichte in Musik umgesetzt werden können, zeigen die Kompositionen von Christoph Neidhöfer und Dominique Girod. Während Neidhöfers vier Walser-Lieder einem avantgardistischen, verfremdenden Stil huldigen, knüpfen die fünf Lieder Girods an den Schubertliedton an, der aber ziemlich schräg daherkommt. Der Mezzosopranistin Leila Pfister gelingen auch in Edu Haubensaks «Sechs Walserminiaturen» ergreifende Klangbilder, die der Geiger Egidius Streiff mit simplen, aber absichtlich «falsch» klingenden Figuren ergänzt. Andreas Nick erweckt in seinem kurzen Stück «Die ersehnte Insel» Sehnsucht nach einer schöneren Welt, Rico Gubler lässt in seinen «Streif(f)lichtern einer Morgenstunde» den Geiger gleichzeitig rezitieren und auf der Violine kommentieren. Wahrlich ein anregender, stimmiger und durchkomponierter Abend.
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 3. Oktober 2012
20 Jahre Ensemble TaG
Breites Ausdrucksspektrum
Alfred Zimmerlin ¦ Gewagt der Einstieg mit einer Posaune in riskanter Lage und mit keineswegs einfachen Sprüngen. Dunkle Klänge hüllen sie bald ein, und man mag ein «Tuba mirum» assoziieren. Oder eine der phantastischen nächtlichen Atmosphären bei E. T. A. Hoffmann. So breit ist das Ausdrucksspektrum! Der Komponist Rudolf Kelterborn hat für das Winterthurer Ensemble TaG zum 20. Geburtstag ein «Nachtstück» für zehn Instrumente geschrieben, das im Theater am Gleis Winterthur (TaG) durch dieses «Hausensemble» für zeitgenössische Musik uraufgeführt worden ist.
Neue Chiaroscuro-Klänge
Eindrücklich, was der 81-jährige Kelterborn riskiert. Er stösst ins Ungewisse vor, erschliesst sich neue Ausdrucksbereiche, neue Chiaroscuro-Klänge. Führt klanglich zusammen, was sich eigentlich abstossen würde, und schafft eine Brüchigkeit, eine wechselhafte Emotionalität, die man so von ihm kaum kennt. Und der Schluss des Werkes: Ein solch fast zerbrechendes Pulsieren im Klavier, eine so mit tonalen Assoziationen arbeitende Harmonik, letztlich einen so konsequenten und doch überraschenden Auflösungsprozess hat er noch kaum je komponiert.
Mit dieser Uraufführung hat das über die Region Winterthur hinausstrahlende Kammerensemble für zeitgenössische Musik Ensemble TaG sein Jubiläumskonzert zum 20-jährigen Bestehen eröffnet. Und es hat unter der Leitung von Pierre-Alain Monot bewiesen, in wie glänzender Verfassung es ist. Seine wechselvolle Geschichte reflektierte Peter Schweiger in drei prägnanten Gedankengängen. Und es wurde ein Reigen von weiteren zehn spannenden
Werken uraufgeführt, welche das Ensemble von befreundeten Komponisten zum Geburtstag erhalten hatte.
«Théâtre musical»
Was war das für ein verrücktes Spektrum von heutigem Komponieren, dem man so begegnen konnte! Matthias Steinauers «Wie ein Theater auf Gleis» setzte die Ensemblemitglieder gleichsam in Zugsabteile und schickte sie per Video und Tonspur auf eine ziemlich schräge Reise. Erquickendes «Théâtre musical» bot auch Benedikt Hayoz zum Schluss, und dazwischen gab es ein kontrapunktisch genaues «Bicinium» von Thüring Bräm, eine gewitzte Geburtstagszählerei von André Meier, ein sehr delikat ausgehörtes «.Double.» von Hans-Ulrich Lehmann, eine zarte Klangstudie von Burkhard Kinzler, ein treffliches und höchst erfrischendes «Epigramm» von Heinz Marti, eine Ives transzendierende Zeitschichtung von Alfred Felder, ein pfiffiges «Mit Pfiff» von Max E. Keller und ein raffiniertes «Tanzlied» von Rico Gubler.
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
Erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 12. Juni 2012
Reise zu sich
«Rêve elle est» von Joëlle Khoury
Thomas Schacher
„Im verdunkelten Saal blickt man auf eine Leinwand, die auf der einen Seite rot, auf der anderen blau beleuchtet ist. Dazu erklingen aus Lautsprechern eine Frauenstimme und synthetische Geräusche. Bald ist der Spuk vorbei, der Dirigent und die Sängerin treten auf die Bühne, die fünf Musiker setzen mit ihrem Spiel ein.
So beginnt das Monodram «Rêve elle est» für Altstimme, Flöte, Violine, Violoncello, Klavier und Elektronik der libanesischen Komponistin Joëlle Khoury. Für die schweizerische Erstaufführung des Ensembles TaG im Theater am Gleis ist sie eigens nach Winterthur gereist. Khoury bewegt sich sowohl in unserer westlichen als auch in ihrer nahöstlichen Welt. Die in Beirut geborene Künstlerin hat in den USA und in Libanon Wirtschaft, Musikwissenschaft und Philosophie studiert und ist heute in Beirut Dozentin für Klavier und Komposition. Mit «Rêve elle est» vertont sie erstmals einen Text in arabischer Sprache – Gedichte von Jacques Aswad. Inhaltlich geht es um die Identitätsfindung einer Frau, die ihren Weg zwischen Ausbrechen und Zurückkehren sucht. Am Schluss findet sie ein Gegenüber in einer anderen Frau, die vielleicht ihr Spiegelbild ist. «Ich liebe dich, für dich komme ich zurück», singt die Sängerin.
Dieses Monodram – es ist keine Oper, wie da und dort geschrieben wird – muss man mit der Sängerin Fadia Tomb El-Hage gesehen und gehört haben, für die es komponiert ist. Bei ihr verbinden sich eine abgründig tiefe Stimme, ein suggestiver Ausdruck und eine hohe Körperpräsenz zu einem phänomenalen Gesamterlebnis. Schade, dass man ihre gesungenen Worte nicht versteht, eine Übertitelung würde da helfen. Stilistisch verzichtet die Komponistin weitgehend auf Arabismen.
Ihre Musik ist nicht avantgardistisch im europäischen Sinn. Das Streichtrio gibt sich sehr polyfon, die Flöte steuert dem Vokalen nachempfundene Melodien bei, das Klavier bevorzugt pulsierende Rhythmen. In der Summe klingt das alles weich und melancholisch, die Kontraste sind wenig ausgeprägt, die Tempi bewegen sich im mittleren Bereich. Gegen das Ende gibt es eine Zuspitzung in Dynamik und Tempo, danach stellt sich eine friedliche Stimmung mit Dur-Schluss ein.“ (Winterthur, Theater am Gleis, 10. Juni)
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
27.11.10, Der Landbote von Ramona Früh
„Im Wirbel der Zeiten und der Klänge
Das Ensemble TaG stellte unter dem Titel «Vortex Temporum» ein Programm voller Querbezüge zwischen den Kompositionen vor.
Sie waren sehr enge Freunde gewesen, die beiden Gérards, Gérard Grisey (1946–1998) und Gérard Zinsstag (*1941). (…) «Vortex Temporum» (…) ist eines der wichtigsten Werke für Kammermusikensembles der letzten Jahrzehnte und ein Meisterwerk von Grisey. Alle drei Sätze dieser Komposition widmete er je einem Komponistenfreund von ihm: Gérard Zinsstag, Salvatore Sciarrino (*1947) und Helmut Lachenmann (*1935). Von diesen drei war ebenfalls je ein Werk zu hören. (…) Zinsstag bezeichnet seine Komposition als «Vertiefungsarbeit», die Material aus «Vortex Temporum» weiterentwickelt. (…)
Eindrückliche Solisten
Salvatore Sciarrinos «L’orizzonte luminoso di Aton» für Flöte solo (1989) und Helmut Lachenmanns «Pressions» für Cello solo (1969) führten die anderen Aspekte von Griseys Musik weiter und gaben Gelegenheit, die eindrücklichen Spieltechniken der beiden Interpreten Anna-Katharina Graf an der Flöte und Emanuel Rütsche am Cello zu geniessen, (…).“
11. Oktober 2010, Der Landbote von Ramona Früh
„Das Wissen der Zeit über die Zeit
(…) Auch bei Alfred Felders Musik lieferte sich das Publikum etwa 50 Minuten lang Werk und Zeit aus, und spendete danach lang anhaltenden Applaus – dem tollen Ensemble wie dem Komponisten Felder, der «songs of time» eigens für das Ensemble TaG komponiert hatte. (…) Das Ergebnis ist eine spannende Reise durch verschiedene Sprachen und Kulturen, unterschiedlichste Epochen und Denkweisen. Es ist aber gleichzeitig ein sehr bescheidenes, ehrliches und direktes Werk, ohne Effekthascherei. (…)“
16. Juni 2011; Der Landbote von Helmut Dworschak
„Auch eine Frage des Mutes
(…) Zum Ende der Saison, die unter dem Motto «Wirbel der Zeiten» stand, hat das Ensemble TaG den Chor der Kantonsschule Rychenberg zu einem Jugendprojekt eingeladen. (…)Seit Februar wurde nun geprobt für das Programm «Rhythmus – im Fluss der Zeit». Vier Werke kommen zur Aufführung, an dreien ist der Chor beteiligt, dazu kommt das Improvisationsstück der Schüler (…)Der Name «Improvisationskonzepte» sei bewusst gewählt, erklärt Chorleiter Jürg Rüthi (…)Seine Uraufführung erlebt das Stück «Zeitkaskaden: Delphi» von Martin Wettstein. Im Stück, das er dem Chor auf den Leib geschneidert hat, geht der Zürcher Komponist mit grossen Fragen spielerisch um (…)«Musik ist ja eine Zeitkunst», meint Martin Wettstein, «eine Art Skulptur in der Dimension der Zeit.» Man könne hindurchwandeln und auch wieder zurückgehen. Wettsteins Werk beginnt mit der bekannten Aufforderung «Erkenne dich selbst!» und mündet am Ende in die Weisheit, dass die menschliche Erkenntnis immer begrenzt bleibt und der Teil niemals das Ganze zu sein vermag. Gewiss ein zeitloses Thema, aber auch ein sehr aktuelles. (…) Improvisation sei offener und spontaner, ein notiertes Stück dafür differenzierter strukturiert, sagt Wettstein. «Reizvoll ist es, wenn ein Konzept beides enthält.» (…)“
20.1.11, Der Landbote von Ramona Früh
„Offene Ohren für die Zukunft
Frisch, spannend: Das Ensemble TaG präsentiert sieben Uraufführungen von jungen Komponistinnen und Komponisten.
(…)«Noch unbekannt». Es ist ein besonderes Programm – nicht nur weil das Ensemble sieben Uraufführungen spielt. Denn die Werke, alle eigens für das Ensemble TaG geschrieben, sind von ganz jungen, noch weitgehend unbekannten Komponistinnen und Komponisten aus sechs verschiedenen Ländern. (…) Wu Guanqing Chris aus China, Kevin Flowers aus den USA, Ivan Pakhota aus der Ukraine, Matthew Lee Knowles aus England – und (…) die beiden Schweizer im Programm, Ursina Braun und Benedikt Hayoz. Der Austausch fördert die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Traditionen. (…)Die Vielfalt, die sich im Programm zeigt, ist verknüpft mit den ersten Erfahrungen der Komponisten mit dem Ensemble. Alle begleiten die Proben und hören ihre eigenen Werke so, wie das Ensemble diese interpretiert. (…)“
